Berlin-Ausflug beendet

Markus Söder beugt sich dem Votum des CDU-Vorstands und überlässt Armin Laschet die Kanzlerkandidatur. Aber ganz ohne Sticheleien konnte er nicht abtreten.

München. Kanzler werden und damit nichts weniger als sein Vorbild Franz Josef Strauß und seinen Förderer Edmund Stoiber übertrumpfen hatte Markus Söder wollen – und hat es am Ende nicht einmal so weit geschafft wie die beiden: Strauß und Stoiber wurden zwar nie Bundeskanzler, aber beide hatten sich zumindest als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU durchgesetzt.
Gestern musste Söder seinem Kontrahenten von der CDU den Vortritt lassen. "Die Würfel sind gefallen, Armin Laschet wird Kanzlerkandidat."
Mehr als ein Jahr lang hatte Söder versucht, sich nicht in die Karten sehen zu lassen, versteckte seine deutlich sichtbaren Ambitionen hinter der rhetorischen Phrase "Mein Platz ist in Bayern". Vor anderthalb Wochen kandidierte er dann doch – nachdem klar war, dass der als CDU-Chef frisch gewählte Laschet die Kanzlerkandidatur ebenfalls als Teil seiner Jobbeschreibung sah und nicht nachgeben wollte.
Was Söder in die Waagschale werfen konnte, war viel – und zugleich wenig: Er führt haushoch in den Meinungsumfragen, und zwar seit langem und bundesweit. In der Folge gibt es viele in der CDU, die lieber mit ihm in den Bundestagswahlkampf gezogen wären – gerade die Jungen. Anders hingegen sahen es große Teile des Parteiestablishments, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble etwa, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier oder der baden-württembergische Landeschef Thomas Strobl (übrigens der Schwiegersohn Schäubles).
In einer kurzen Pressekonferenz gestern, in der er seine Niederlage einräumte, konnte Söder nicht umhin, zwischen den Zeilen darauf hinzuweisen, dass er sich für den besseren Kandidaten gehalten hätte: Er habe in den zurückliegenden Tagen unglaublich viel Unterstützung aus allen Ecken des Landes erhalten – selten habe ein Bayer so viel Zuspruch bekommen, so Söder. Und er bedankte sich bei denen in der CDU, die ihn unterstützt haben – vor allem "bei den Jungen, bei den Modernen, bei denen, die auf Zukunft aus waren". Aus Söders Sicht also all das, was er im Umfragen-Schlusslicht Laschet und seinen altbackenen Unterstützern nicht sieht. Gleichwohl: Söder hatte sich verzockt. Er war davon ausgegangen, dass ihm die CDU wegen seiner – für einen bayerischen Politiker tatsächlich außergewöhnlich guten – Umfrageergebnisse die Kandidatur von sich aus antragen und ihn ins Kanzleramt hineintragen würde. Mit Laschets Steherqualitäten hatte er nicht gerechnet, und auch ein weiteres Pfund hatte Söder nicht mehr in die Waagschale zu werfen vermocht: Mächtige Fürsprecher in der CDU oder aus der Wirtschaft hatten sich nicht gefunden, nicht einmal Edmund Stoiber hatte sich groß zu Wort gemeldet. Am Ende, so schien es, ging Söder das Moment verloren, das er in der Vorwoche noch so effektvoll aufgebaut hatte. Einer in München, der ihn eher kritisch sieht, sagte, Söder habe ganz schnell sein Pulver verschossen. Sein Plan, sich als Volkstribun der CDU-Basis aufzubauen und so gegen das CDU-Establishment zu stellen, sei zu schnell versickert – es sei nie eine Welle daraus geworden. So blieb Söder gestern nicht viel mehr, als von der "Verantwortung für das Land" zu reden und der "Verantwortung für die Union", davon, dass er und die CSU "keine Spaltung" wollten und dass es eine "geschlossene Union" brauche. Die CDU habe getagt und entschieden – "und wir respektieren das", gab sich Söder konziliant. Dass fast zeitgleich sein Statthalter in Berlin, CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, das Ergebnis der nächtlichen CDU-Vorstandssitzung (ein Verfahren, das "durchaus einige Fragezeichen hinterlässt") anzweifelt – gegessen.
So sagt Söder in München eben die Dinge, die man in einer solchen Situation als Unterlegener sagt – etwa, dass er die Entscheidung "ohne Groll" akzeptiere, dass Laschet seine "volle Unterstützung" habe, dass man "mit voller Kraft" in den Wahlkampf gehen werde, dass es nun gelte, "in die Zukunft zu schauen".
Fast noch stärker als Söder war gestern CSU-Generalsekretär Markus Blume die Niederlage anzusehen – und anzuhören. Die Kandidatur Söders sei "ein verdammt gutes Angebot" an die CDU gewesen, Söder habe "gezeigt, welche Zugkraft er entfalten kann", die CSU sei "klar im Kurs und souverän im Stil". Aber nun gebe es halt eine Entscheidung. "Markus Söder begeistert. Und lassen Sie mich persönlich sagen: Markus Söder war erkennbar der Kandidat der Herzen. Aber in der Demokratie, und gerade in der innerparteilichen Demokratie, entscheidet am Ende etwas anderes. Nämlich die Mehrheit." Deshalb, so Blume, sei Laschet der Kanzlerkandidat der Union – ein letzter Gruß des CSU-Generals an die CDU-Hinterzimmer.


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