Zuzug aus dem Osten hält an

Der deutsche Arbeitsmarkt übt eine Sogwirkung aus und lässt den Ausländer- anteil steigen. Viele kommen aus den neuen EU-Ländern.

Der deutsche Arbeitsmarkt übt eine Sogwirkung aus und lässt den Ausländer- anteil steigen. Viele kommen aus den neuen EU-Ländern.

Berlin. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung in Deutschland nimmt weiter zu und hat 2017 einen neuen Höchststand erreicht. Das Wachstum der ausländischen Bevölkerung ist allerdings auf das Niveau aus der Zeit vor der Flüchtlingskrise zurückgegangen. Deutlich gestiegen ist die Zahl der Zuwanderer aus den neuen EU-Mitgliedstaaten. Doch nicht überall in Deutschland ist der Ausländeranteil gleich. Hintergründe zu neuen Zahlen des Ausländerzentralregisters, die das Statistische Bundesamt gestern vorgelegt hat.
Leben immer mehr Ausländer in Deutschland?
Ende 2017 waren 10,6 Millionen Menschen mit ausschließlich ausländischer Staatsangehörigkeit im Ausländerzentralregister erfasst. Das waren 585000 mehr als Ende 2016 – ein Anstieg um 5,8 Prozent. Der Ausländeranteil legte gegenüber dem Vorjahr von 11,2 auf 11,3 Prozent zu. 2011 hatte der Anteil noch bei 7,9 Prozent gelegen und ist seitdem kontinuierlich gestiegen. Allerdings ist der Zuwachs wieder kleiner geworden und auf das Niveau von 2013 – also vor dem Beginn der Flüchtlingskrise – zurückgegangen. Im Durchschnitt stieg die Zahl der Ausländer in den vergangenen zehn Jahren jeweils um 388000. Hier lag das Plus im vergangenen Jahr also deutlich über dem Mittelwert.
Liegt das an der Flüchtlingskrise?
Nein. Der Zuwachs an Staatsbürgern aus Nicht-EU-Staaten ist von 665000 im Jahr 2016 auf 163000 zurückgegangen. Grund dafür ist der Einbruch der Flüchtlingszahlen aus den Hauptherkunftsländern. Aus Syrien kamen im vergangenen Jahr 61000 Menschen, im Jahr zuvor waren es 260000 gewesen. Die Zahl der Iraker ging von 91000 auf 17000 zurück, die der Afghanen von 119000 auf 5000.
Was steckt dann dahinter?
Die Zuwanderung aus EU-Mitgliedstaaten – und insbesondere aus Ost- und Südosteuropa – ist deutlich gestiegen. Insgesamt wuchs die Zahl der EU-Ausländer um 439000. 2016 hatte das Plus bei 277000 gelegen. Aus Polen und Rumänien betrug die Nettozuwanderung jeweils 85000, aus Bulgarien 45000. Insgesamt ist die Zahl der Europäer aus den neuen EU-Staaten von 919000 im Jahr 2007 auf 2,6 Millionen im Jahr 2017 angestiegen. Für Rumänen liegt das Plus in diesem Zeitraum bei 636 Prozent, für Bulgaren bei 563 Prozent.
Kommen dauerhaft mehr Menschen aus Südost- und Osteuropa als von außerhalb der EU?
Langfristig sei die Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsländern "die bedeutendere und auch länger anhaltende", erklärt Ulf Brunnbauer vom Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Grund ist die Sogwirkung des deutschen Arbeitsmarkts, zu dem die Menschen wegen der Freizügigkeit in der EU Zugang haben. Männer aus Osteuropa sind zumeist im Bau tätig, Frauen im Pflege- und Gesundheitsbereich. Die Nachfrage ist steigend, daher rechnen Experten auch mit weiter hohen Zuwandererzahlen. Auch im Gastgewerbe würde es ohne die Arbeitskräfte aus den östlichen EU-Ländern kritisch.
Wo in Deutschland leben die meisten Ausländer?
2,57 Millionen sind es in Nordrhein-Westfalen, ein Anteil von 12,5 Prozent. An zweiter Stelle liegt Bayern mit knapp 1,8 Millionen Personen mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft und einem Ausländeranteil von 12,3 Prozent – doch auch innerhalb Bayerns gibt es starke regionale Unterschiede. In der Stadt Passau liegt der Ausländeranteil bei 12,7 Prozent, im Landkreis Passau ist er nur halb so hoch. In Baden-Württemberg leben gut 1,7 Millionen Ausländer, was einem Bevölkerungsanteil von 14,7 Prozent entspricht. 17 von 100 Berlinerinnen und Berlinern sind Ausländer – die höchste Quote in ganz Deutschland. Aber auch in Bremen und Hamburg sind es mehr als 15 Prozent. In Niedersachsen leben 777000 Ausländer, was einer Quote von 8,7 entspricht. In den neuen Bundesländern leben die wenigsten Menschen ausländischer Staatsbürgerschaft, Sachsen-Anhalt hat mit 4,5 Prozent die höchste Quote, Mecklenburg-Vorpommern mit 4 Prozent die niedrigste. Dabei kommt in Ostdeutschland jeder vierte Ausländer (26 Prozent) aus Osteuropa. In den alten Bundesländern sind es nur 7,8 Prozent. − Kommentar


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