Die große Kündigungswelle

Die Arbeitswelt in den USA erlebt während der Corona-Pandemie einen dramatischen Umbruch. Seit April haben 20 Millionen Amerikaner ihre Jobs an den Nagel gehängt, um etwas Besseres zu finden. Das führt in vielen Branchen zu Arbeitskräftemangel.

Julie (29) reicht es. Der letzte Tag im Monat wird der erste ihres neuen Lebens sein, in dem sie nicht mehr darauf hoffen muss, dass genügend Trinkgeld den mickrigen Lohn in dem Restaurant an der 18th Street aufbessert. Vorbei sind die langen Arbeitszeiten, der Stress an den Tischen und die Übergriffe betrunkener Gäste. Die alleinerziehende Mutter hofft, bis Halloween einen neuen Job zu haben, der ihr mehr Geld, eine Krankenversicherung und flexiblere Arbeitszeiten bietet.
Angebote gibt es mehr als reichlich. Die Zahl der offenen Stellen kletterte in den USA zuletzt auf über zehn Millionen. Mehr als jedes zweite Unternehmen kann keine Beschäftigten für vakante Stellen finden. Besonders hart betroffen sind die Freizeit-Industrie samt Hotels und Gaststätten, der Einzelhandel, das verarbeitende Gewerbe und der Gesundheitssektor.

Gastronomie verlor fast eine Million Angestellte

Was anfangs nach einem vorübergehenden Problem bei der Rückkehr aus den "Shutdowns" der Pandemie aussah, erweist sich nun als grundlegender Umbruch in der Arbeitswelt der USA. Die Medien haben den Begriff der "Great Resignation" (Die große Kündigungswelle) geprägt, um den Motor der Veränderungen zu beschreiben.
Ein paar Zahlen illustrieren dies eindrücklich. Laut offizieller Statistik des "Bureau of Labor Statistics" für den August (letzter Monat für den Zahlen vorliegen) gaben 4,3 Millionen Amerikaner ihre Jobs auf. Das entspricht etwa 2,9 Prozent aller US-Beschäftigten. Allein im Hotel- und Gaststättengewerbe kündigten 892000 Mitarbeiter. Binnen Monatsfrist verloren die Unternehmen damit einen von 14 Kellnern, Barkeepern, Rezeptionisten, Köchen, Zimmermädchen und andere Dienstleister.
Kellnerin Julie folgt mit ihrer Entscheidung einem Trend, der im Frühjahr begann. Seit April wuchs die Zahl der "Quits" wie Experten Arbeitnehmer bezeichnen, die selber ihren Arbeitsplatz aufgeben, auf mehr als 20 Millionen an. Laut einer Umfrage der Zeitung "USA Today" erwägen rund zwei von drei Arbeitern (63 Prozent), sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.

Größter Wandel im Niedriglohnsektor

Die größten Veränderungen erlebt der Niedriglohnsektor, der Beschäftigten über Jahrzehnte wenig Perspektiven bot. Infolge der Pandemie ließ der Staat das Füllhorn über die Bürger ausschütten. Großzügige Arbeitslosen-Zusatzleistungen, ein Moratorium für die Rückzahlung von Bildungsschulden, Mieterschutz und direkte Zuwendungen versetzten Millionen Arbeitnehmer in die Lage, Risiken einzugehen und ihre Jobs aufzugeben, die sie hassten. So verkündete etwa die schwarze "Walmart"-Mitarbeiterin Shana Blackwell über die Lautsprecheranlage ihres Supermarktes, dass sie nicht mehr bereit sei, "in einem toxischen, sexistischen und rassistischen Arbeitsumfeld zu arbeiten". Ein Video dieser Ansage haben mehrere Millionen Menschen im Internet gesehen.
"Höhere Löhne für sich genommen reichen nicht", weiß die Chefin des Personal-Vermittlers "ManpowerGroup North America", Becky Frankiewicz. Das geht auch aus einer von "Grant Thornton" in Auftrag gegebenen Studie ("State of Work in America") hervor. Demnach ist Job-Flexibilität bei Arbeitszeiten und Arbeitsort sowie Auszeiten für Familie und Fortbildung heute für viele Beschäftigte wichtiger als Löhne und Gehälter. Die Arbeit von zu Hause während der Pandemie bewies, dass es auch anders geht.
Experten beobachten, wie mit dem Verschwinden des Büros auch der Stellenwert der Arbeit anders wird. Laut neuer Zahlen der amerikanischen Notenbank Federal Reserve vom Juli erwartet nur noch die Hälfte der Amerikaner, über das 62. Lebensjahr hinaus berufstätig zu sein. Vor sieben Jahren waren das noch 57 Prozent.
Von der vorzeitigen Rente ist Kellnerin Julie wie die Mehrzahl der "Quits" noch weit entfernt. Nicht aber von dem Entschluss, in ihrem Leben etwas zu ändern. "So wie vor Covid möchte ich nicht mehr leben."


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