"Der Robert Lewandowski der Weltwirtschaft"

Boom ohne Ende: Polen bricht trotz Corona-Pandemie ökonomische Rekorde, der Handel mit Deutschland brummt, und ein Experte der Weltbank glaubt sogar an die Chance, dass der östliche Nachbar den Westen einholen kann.

Polen leidet. Die dritte Corona-Welle hat das Land hart getroffen. Rund 35000 Neuinfektionen am Tag waren zuletzt nationaler Negativrekord. Deutschland hat das Nachbarland zum Hochrisikogebiet erklärt. Alles Fakten, wie gemacht für eine schwere Frühjahrsdepression in Wirtschaft und Handel. Das Gegenteil ist aber der Fall. Polen schreibt seine postkommunistische Erfolgsgeschichte selbst in Pandemiezeiten fort, als wäre Corona ökonomisch gesehen nur ein Schnupfen.
Beispiel Jobwunder: Eine Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent bedeutet faktisch Vollbeschäftigung. Beispiel Wachstum: Zwar ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 erstmals seit der Weltfinanzkrise leicht zurück. Doch wie damals kam Polen, das sein BIP seit der Jahrtausendwende verdreifacht hat, unter den EU-Staaten mit am besten durch die Krise. Das Minus von 2,8 Prozent war nichts im Vergleich zu minus 8,3 Prozent in Frankreich. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte um fünf Prozent. Und sie wäre ohne den Boom im Ost-Handel deutlich stärker eingebrochen.
"Polen ist ein wesentlicher Stabilisator für die deutsche Wirtschaft in der Corona-Krise", sagt Lars Gutheil, der die deutsche Außenhandelskammer (AHK) in Warschau leitet. Er kann dabei auf Zahlen verweisen, die manchen Ost-Skeptiker im Westen noch immer verblüffen dürften. So exportierte Polen 2020 so viele Güter und Dienstleistungen nach Deutschland wie nie zuvor. Mit einem Plus von einem Prozent stieg das Wirtschaftswunderland zum weltweit viertstärksten Lieferanten Deutschlands auf und stach erstmals Frankreich aus. Nur China und die USA sowie die Niederlande waren besser.
In umgekehrter Richtung läuft es ebenfalls rund. Die deutschen Ausfuhren nach Polen sanken zwar leicht um 1,8 Prozent. Aber auch hier gilt, frei nach einem bekannten Filmtitel: "Forget Paris!" Der Vergleich mit Frankreich, wo der Absatz deutscher Produkte im zweistelligen Bereich einbrach, belegt die enorme Kraft der ostmitteleuropäischen Boomregion. Den Warschauer Weltbank-Ökonomen Marcin Piatkowski verleitete das kürzlich zu der Aussage, Polen sei "der Robert Lewandowski der Weltwirtschaft". Immer auf Rekordkurs, ganz wie im Fußball der Torjäger des FC Bayern. Aber Piatkowski ging noch weiter. Polen habe mit seiner "überragenden Wettbewerbsfähigkeit die historische Chance, den Westen wirtschaftlich einzuholen". Doch was genau macht das Land so schlagkräftig? AHK-Leiter Gutheil verweist darauf, dass "Polens Wirtschaft mittlerweile sehr stark diversifiziert ist". Das habe sich nicht nur in der Pandemie ausgezahlt.
Tatsächlich ist Polen exportstarkes Agrarland, Zulieferer und Industriestandort zugleich, punktet aber auch mit vielen erfolgreichen kleinen und mittleren Unternehmen. Insbesondere im Handwerk, denn gebaut wird im Osten seit Jahren wie in kaum einer anderen Region Europas. Entscheidend dazu beigetragen haben die Milliarden aus EU-Töpfen, die Polen so effektiv nutzt wie kein zweites Mitgliedsland. Das wiederum hat einen Modernisierungsschub bei der Infrastruktur ausgelöst, die den Boom beim Warentransport erst möglich machte. Nicht dabei ist Polen allerdings beim Euro. Aber auch das war in schlechten Zeiten eher von Vorteil. Sowohl in der Weltfinanzkrise als auch in der Pandemie verbilligte sich der Zloty deutlich gegenüber dem Euro und machte so die eigenen Exporte um bis zu zehn Prozent günstiger.


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